Mit Spritze und Laser gegen die Zeichen der Zeit

Dr. med. Dan Iselin auf NZZ.ch (vom 21. Ferbruar 2008)

Skalpell und Spritze helfen der Natur auf die Sprünge: In Zürich floriert das Geschäft mit der Schönheit. Praxen und Studios nach dem amerikanischen «Walk-in»-Prinzip halten Einzug. Die Inhaber stossen bei Ärzteverbänden auf Argwohn.


(Text vn @NZZ). Seit neun Monaten glätten die Zürcher Ärzte Dan Iselin und Philippe Snozzi ihren Kunden über Mittag die Haut. Ihr Botox-Studio, das sie 2007 in einem ehemaligen Coiffeursalon im Niederdorf eröffnet hatten, sorgte für ein kontroverses mediales Echo. Jeden Montag setzen die Kollegen zwischen 9 Uhr in der Früh und 22 Uhr abends die Spritze an. Ihr Rezept für Jugend und Frische heisst Botulinumtoxin, kurz Botox genannt. Rund 27 Kunden behandeln sie durchschnittlich an einem Montag – den Rest der Woche assistieren die Ärzte orthopädischen Kollegen im Operationssaal. Denn mit anderen Jungunternehmern haben sie gemein, dass der steinige Weg zur eigenen Firma mit «Nebenjobs» finanziert werden muss. Doch die grosse Nachfrage machte der Botox-Klinik den Start nicht schwierig: Die Mediziner wollen bereits expandieren.

Werbung bagatellisiert die Eingriffe

In der Innenstadt lockt die ewige Jugend von auffälligen Plakaten, die diverse, durchwegs «simple» Methoden der Verschönerung anpreisen. «Gesichtsfalten sind so willkommen wie der Besuch der Schwiegermutter am Sonntag», schreibt die Zolliker Klinik Swissestetix in einer Zeitungswerbung. Und hält einige Zeilen weiter die tröstliche Nachricht bereit: «Im Vergleich zur Schwiegermutter wird man Falten heutzutage schnell wieder los» – am besten während der Mittagspause. Catherine Perrin, Geschäftsführerin der Schweizerischen Gesellschaft für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie (SGPRAC) befürchtet durch die Werbung eine «Bagatellisierung von medizinischen Eingriffen». Gemäss den Standesregeln, welche die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) vorsieht, ist es einem Mediziner untersagt, seine Dienstleistungen zu vermarkten. «Einige tun es trotzdem.» Perrin bemängelt, dass viele Praxen in ihren Internetauftritten und Werbebotschaften kaum über mögliche Nebenwirkungen ihrer Methode aufklären. Der Kantonsärztliche Dienst Zürich kann seinerseits nur intervenieren, wenn irreführende Informationen vorliegen – etwa, wenn Silikonimplantate als gesundheitsfördernd vermarktet würden.

«Wir haben Kunden, nicht Patienten»

«Medizin darf nicht als Produkt angepriesen werden», sagt Catherine Perrin. Der 41-jährige Arzt Iselin, der aus ebendiesem Grund ins Kreuzfeuer der Kritik geraten war, sagt, er denke nicht anders. «Lifestyle-Behandlungen und die klassische Medizin bedürfen einer klaren Trennung», sagt er. In der klassischen Medizin gehe es ausschliesslich um die Heilung oder Linderung von Beschwerden kranker Menschen. Der Patient sei durch seine Krankheit auf den Arzt angewiesen. «Damit ein Arzt dieses Abhängigkeitsverhältnis nicht ausnutzen kann, besagen Standesregeln, dass Medizin nicht als Produkt verkauft werden darf.» Das sei sinnvoll, sagt auch Iselins Kollege Snozzi – aber nicht in der ästhetischen Medizin. «Wir haben keine Patienten, sondern Kunden.» Diese könnten frei über ihre Behandlungsoptionen entscheiden. Für den 31-jährigen Snozzi beginnt das ethische Problem, «wenn die klassische Medizin profitorientiert arbeitet». Das Haftpflichtrecht unterscheidet aber nicht grundsätzlich zwischen klassischer und ästhetischer Medizin: Behandlungsfehler bei ästhetischen Eingriffen werden nicht anders geahndet als solche, die bei medizinisch indizierten Operationen auftreten können. «Für rein ästhetische Eingriffe wird aber die Aufklärungspflicht stärker gewichtet», sagt Lucia Rabia, Fürsprecherin im FMH-Rechtsdienst. Missachtet der Arzt diese Aufklärungspflicht, haftet er nicht nur für seinen Fehler, sondern allenfalls auch für Komplikationen.

Schönheitschirurg kein geschützter Titel

Auch Roger Donati redet lieber von Kunden als von Patienten. Im April 2007 gründete er das Life Line Center. Das Schönheitszentrum im Kreis 2 bietet alles, was der jugendliche Look verlangt; vom Gesichts-Peeling bis zum Silikonimplantat. Seine Berufskarriere hat der Marketingfachmann einst als Elektroniker in der Medizintechnik begonnen. Sein Jungbrunnen heisst Ultraschalltechnik, den er mit dem pointierten Slogan «Fett weg über Mittag» anpreist. Die Behandlung zur Entfernung kleiner Fettdepots ist das Zugpferd seines Unternehmens. «Es ist ein völlig schmerzloser, nicht operativer Eingriff», sagt Donati, der Behandlungen mit Ultraschall und Laser selbst durchführt. Für operative Massnahmen wie Fettabsaugen, Lifting und Brustvergrösserungen ist ein eingemieteter Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie zuständig. «Dem Kunden sollen alle Alternativen offenstehen.» Catherine Perrin behagt nicht, dass heutzutage «Hinz und Kunz kosmetische Eingriffe vornehmen». Nicht nur eine Operation berge Gefahren – auch vermeintlich einfache Verfahren mit Licht oder Laser könnten ins Auge gehen. Oft führten Kosmetikerinnen oder Angelernte Behandlungen durch, deren Schwierigkeitsgrad das Wissen eines Arztes erfordere. Perrin bemängelt auch, dass «Schönheitschirurg» kein geschützter Titel ist. Nach dem Staatsexamen und einer zweijährigen Weiterbildung ist es in der Schweiz jedem Arzt erlaubt, jene Eingriffe durchzuführen, die er sich zutraut. Die SGPRAC empfiehlt in ihrem neuen Ratgeber, nur Ärzte zu wählen, die über einen Facharzttitel für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie verfügen – er garantiert, dass sich der Arzt während sechs Jahren auf diesem Gebiet spezialisiert hat. In Frankreich etwa dürfen nur Fachärzte ästhetische Eingriffe vornehmen. «Uns bleibt derweil nichts anderes übrig, als auf den gesunden Menschenverstand des Arztes zu zählen», sagt Perrin.

«Keine neurotischen Narzissten»

Wie stehen die Unternehmer dem Geschäft mit der Illusion gegenüber? «Schönheit durch Jugendlichkeit war schon in der Antike ein Thema», sagt Roger Donati. Heute nutzten Menschen die Möglichkeiten, sich dieses Gefühl länger zu erhalten. «Und: Das Angebot richtet sich nach der Nachfrage.» Ihre Kunden, sagen Snozzi und Iselin, entsprächen kaum dem Klischee des neurotischen Narzissten. Es seien zumeist unkomplizierte Leute, die über ein klares Selbstbild und einen einfachen Wunsch verfügten. Trotzdem: Die Ärzte wissen, dass sie polarisieren. Das Duo gibt zuweilen ein klischiertes Bild ab. Bei ihrer Pose könnte man meinen, sie hätten selbst etwas zu viel von ihrer Verschönerungsmethode abbekommen. Das sei gewollt: «Es ist witzig und entlockt ein Augenzwinkern.»

Quelle: Dr. med. Dan Iselin auf NZZ.ch (2008)


Im Bericht erwähnte Behandlungen