Bügeln bitte

Dr. med. Dan Iselin auf NZZ.ch (vom 29. April 2012)

Nicole Kidman hat es getan. Julia Roberts. Teri Hatcher. Bestimmt auch Carla Bruni. Und warum sieht eigentlich Wladimir Putins sechzigjähriges Gesicht immer noch so aus, als sei es soeben aus einem Ei geschält worden? Zehn Jahre ist es diesen Monat her.


(Text NZZ). Nicole Kidman hat es getan. Julia Roberts. Teri Hatcher. Bestimmt auch Carla Bruni. Und warum sieht eigentlich Wladimir Putins sechzigjähriges Gesicht immer noch so aus, als sei es soeben aus einem Ei geschält worden?

Zehn Jahre ist es diesen Monat her, dass wir glatte Haut nicht mehr automatisch mit Jugend oder guten Genen assoziieren – oder dann gleich mit einem Facelifting. Zehn Jahre ist es her, dass die US Food and Drug Administration (FDA) das faltenglättende Gift Botulinumtoxin A, kurz Botox, zur kosmetischen Behandlung zuliess und damit einen Boom auslöste.

In den USA, dem weltweit grössten Botoxmarkt, gab es 5,7 Millionen Behandlungen allein im Jahr 2011 – 5 Prozent mehr als im Vorjahr (gemäss der American Society for Aesthetic Plastic Surgery). Für Europa fehlen vergleichbare Zahlen, Ärzte gehen aber von einem noch stärkeren Wachstum aus. Nach Auskunft der Firma Acredis, eines 2006 gegründeten unabhängigen Beratungszentrums für ästhetische Chirurgie, ist etwa in Deutschland 2011 22 Prozent mehr Botox gespritzt worden als im Vorjahr. In der Schweiz, wo der Acredis-Geschäftsführer Stephan Haegeli und viele andere Spezialisten den weltweit grössten Botox-Verbrauch pro Kopf vermuten, betrug das Wachstum 17 bis 20 Prozent (2010 waren es noch 15 Prozent gewesen).

Marktführer in der Botoxherstellung ist die US-Firma Allergan, die 2011 an ästhetischen Behandlungen fast 800 Millionen Dollar verdiente. Für die Schweiz macht Allergan keine Angaben. Aufgrund von Nachforschungen bei den Abnehmern lässt sich die Zahl der Behandlungen aber auf gut 200 000 hochrechnen. Geht man von einem durchschnittlichen Preis von 500 Franken pro Behandlung aus, so nahmen die rund 1100 auf Botox spezialisierten Schweizer Praxen und Kliniken 2011 demnach mehr als 100 Millionen Franken mit Botox ein.

Hoch oben auf der Botox-Welle schwimmt Dan Iselin von einer Botox-Klinik in Zürich. Sorgenfalten hat der 46-jährige Arzt schon deshalb keine, weil er und seine Kollegen in ihren schneeweissen Praxis-Zimmern von Kundinnen überschwemmt werden. Bis zu 30 seien es pro Tag, die Klinik sei Schweizer Marktleader, sagt Iselin, der mit rund 50 spezialisierten Kliniken allein im Raum Zürich und mit 55 am Genfersee zwischen Genf und Lausanne konkurriert. Und wohin fliesst Iselins Botox? «3 Prozent aller Schweizerinnen über 35 haben sich schon einmal behandeln lassen. Leute aus allen Gesellschaftsschichten, von der Putzfrau bis zum Professor.»

Wie bei allen Wohlstandsphänomenen ist auch hier ein Trickle-down-Effekt am Werk. Die Schönheit mit technischen beziehungsweise kulturellen Mitteln, einst ein Privileg von Adligen und später von Schauspielern und Pop-Stars, ist zum Konsumgut einer Allgemeinheit geworden, die mit steigender Lebenserwartung immer jünger aussehen will. Allerdings liegt dem Willen zur Schönheit am Ende wohl nicht viel mehr Freiheit zugrunde als beispielsweise Parlamentswahlen in gelenkten Demokratien. Schon immer war Körpergefühl gesellschaftlich determiniert, heute geben wirtschaftliche Interessen das Ideal vor. In Zeiten, in denen Firmen ihren Mitarbeitern neben den Zutaten des Lunchs (kein Knoblauch!) auch die Farbe der Socken und des Lippenstifts vorschreiben, votieren die Menschen automatisch und mit überwältigendem Mehr auch für glatte Gesichter.

Der klassische Fall ist einer wie Dieter (sein richtiger Name soll hier nicht genannt werden). Den 44-jährigen Basler Kleinunternehmer störte eigentlich nichts an seiner Erscheinung, als er sich Ende dreissig zur ersten Botox-Injektion entschloss. Dennoch sah er das Problem bleibender Stirnfalten auf sich zukommen. Als Dieter die erste Behandlung überstanden hatte, als die Einstich-«Püggel» in seinem Gesicht abgeschwollen und nach drei, vier Tagen ein «Erfrischungseffekt» sichtbar wurde, war er «völlig begeistert». Weil sein Arzt vorsichtig dosiere, habe er nach den ersten Injektionen noch drei, vier, fünf Nachbehandlungen in Anspruch nehmen müssen – heute genügen zwei Sessionen pro Jahr. Nach den Sessionen wird er zehn Jahre jünger geschätzt als vor den Sessionen. Dem Angebot des Arztes, sich zusätzlich die Schläfen mit einem «Filler» polstern zu lassen, hat er bisher widerstanden.

Quelle: Dr. med. Dan Iselin auf NZZ.ch (2012)


Im Bericht erwähnte Behandlungen